Grenzen des Homeschoolings

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Grenzen des Homeschoolings

Zu Hause lernen macht zu Beginn Spaß. Es ist eine neue ungewohnte Situation.

Mama oder Papa nehmen sich Zeit. Sie interessieren sich. Manche Aufgaben können auch sie vielleicht nicht gleich nicht lösen, sie überlegen oder beraten sich, fragen vielleicht in der WhatsApp-Gruppe nach. Das ist zunächst ganz witzig.    

Aber nach 6 Wochen ist die Luft raus. Zu Hause lernen nervt einfach nur noch!

Warum klappt es nicht mehr? Machen die Eltern etwas falsch? Sind die Kinder nicht gut erzogen?

Ich kann es Ihnen ganz einfach erklären. Es kann nicht funktionieren. Die Rahmenbedingungen stimmen einfach nicht. Das Familienleben besteht aus gemeinsamen Spielen, gemeinsamen Mahlzeiten, kochen, saubermachen, Freizeit usw. Viele Eltern gehen arbeiten oder sitzen vor dem Homeoffice. Familienleben hat ganz andere Strukturen als Schule. 

In Deutschland ist das Lernen ein institutionelles Lernen. Es hat besondere Strukturen, die an eine Institution gebunden sind. Schulische Strukturen entstehen durch die räumlichen, zeitlichen und personellen Bedingungen. Unsere Kinder sind an das institutionelle Lernen gewöhnt. Sie brauchen diese Rahmenbedingungen, um sich darauf einzulassen. Aber auch die Eltern sind keine Hauslehrer. Sie wollen keine Hauslehrer sein und es fehlt ihnen das Fachwissen und die Kompetenz eines Lehrers. 

Trotzdem ist es vielen Eltern gelungen, zu Hause Rituale und Routinen für das Lernen zu entwickeln. Aber es ist jeden Tag aufs Neue ein Kraftaufwand, diese durchzusetzen. Dazu ist auf beiden Seiten eine Disziplin erforderlich.     

Ein wichtiger Aspekt für das Lernen ist die Gemeinschaft. Kinder brauchen eine Bezugsgruppe, andere Kinder. Sie wollen sich vergleichen, sich messen und in Wettbewerb mit anderen gehen. Kinder lernen viel durch Imitation. Deshalb kann es einfach zu Hause nicht mehr gut klappen. Kinder brauchen beim Lernen Interaktionen. Partner- und Gruppenarbeitsformen sind zu Hause nicht umsetzbar. Ich glaube, dass die Kraft der Kinder nach dieser langen Zeit nachlässt, sie vereinsamen.

Der Lehrer ist eine wichtige Personen im Leben eines Grundschulkindes. Er erklärt, zeigt, lobt, gibt Feedback, aber ermahnt auch und korrigiert. Der Grundschullehrer ist geduldig und freundlich. Er hat Zeit für das Lernen und er nimmt sich Zeit für die Herausforderungen beim Lernen. Die Mama oder der Papa können keinen Lehrer ersetzen. Die Rollenverteilung ist einfach eine andere. Lernen braucht Beziehung. Die wichtigste Beziehung ist in der Grundschule ist die zum Lehrer. 

Jeder Lehrer verfügt über ein didaktisch- methodisches Handwerkszeug, das strukturiertes und systematisches Vorgehen ermöglicht. Dazu gehören u.a. kleine Lehrervorträge, das Vormachen an der Tafel, Unterrichtsgespräche mit Fragen und Problemstellungen, projektorientiertes Lernen und Forschen. Nun ist aber der Handlungsspielraum der Lehrer auf Kopiervorlagen und Arbeitshefte reduziert. Das kann nicht funktionieren.

Das Lernen mit Arbeitsblättern regt nicht zum Denken an. Kinder füllen nur die Lücken aus, aber sie lernen nichts dazu. Dessen muss man sich bewusst sein.     

Kinder der 1. Klasse brauchen systematische Vorgehensweisen beim Erlernen neuer Buchstaben. Das Schriftzeichen muss sicher dem Laut zugeordnet werden. Sprechen die Eltern den Laut richtig aus? Wissen sie wie der Buchstabe richtig geschrieben wird. Nun muss diese Verbindung Laut- Buchstabe solange trainiert werden bis sie sicher sitzt. Wenn ein Kind schon recht gut liest, alle Buchstaben sicher kennt, kann es die Lesekompetenz mit den Eltern durch kontinuierliches Üben gut erweitern. Ist das Kind aber noch nicht in das flüssige Lesen gekommen, wird es zu Hause zur Tortur.

Beim Rechnen genauso: Hat das Kind ein gutes Zahlenverständnis, beherrscht es den Zahlenraum prima, funktioniert auch Homeschooling. Das Kopfrechnen kann trainiert werden. Aber was, wenn das Kind zählt und nicht rechnet? Eltern können auch nicht den Zahlenraum erweitern. Sie können keine Multiplikation oder Division einführen, dazu benötigt man Fachwissen. Das Operationsverständnis muss erarbeitet werden. Das kleinschrittige Vorgehen können Eltern nicht leisten. Auch mit Arbeitsheften und Kopiervorlagen kann kein neuer Stoff eingeführt werden.

Es muss allen bewusst sein, dass die Kinder zurzeit nichts dazu lernen. Sie können allenfalls das bereits Gelernte festigen und sichern. Nicht mehr und nicht weniger!

Mit voranschreitender Zeit werden die häuslichen Konflikte größer. Die Nerven liegen blank, auf beiden Seiten.

Liebe Eltern, es liegt nicht an Ihnen! Es liegt auch nicht an Ihrem Kind!

In der aktuellen Situation können die Grundschulkinder zu Hause nicht erfolgreich lernen.

Ich mache mir große Sorgen um die Kinder der 4. Klassen, die den Übergang in die weiterführende Schule bewältigen müssen.

Aber auch die Erstklässler werden in die 2. Klasse kommen, ohne sicher alle Buchstaben und Buchstabenverbindungen zu beherrschen. Leseschwierigkeiten sind vorprogrammiert.

Der Zahlenraum bis 20 und das Rechnen bis 20 werden nicht gut gefestigt sein. Probleme in Mathematik sind vorprogrammiert.

Ich wünsche allen Schülern und Eltern, dass die Schulen endlich wieder geöffnet werden.    

By | 2020-04-27T18:53:28+00:00 April 27th, 2020|Allgemein|0 Comments

Der Autor

Nach langjähriger beruflicher Praxis in der Schule möchte ich nun Kindern mit Herausforderungen im Lernen helfen, ihren Schulalltag erfolgreich zu meistern.

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